Der DVL-Vorsitzende Michael Evers bei der Pokalsiegerehrung mit Lina Sundström (VfB Suhl). Foto: DVL

27Okt2010

Die Frauen-WM als Gradmesser

Kasachstan, Kuba, USA, Kroatien und Thailand sind die Gegner der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Japan, die am Freitag beginnt und bis zum 14. November dauert. Deutschland bekommt es in der Vorrunde in Matsumoto mit klangvollen Namen zu tun: Kuba ist dreifacher Olympiasieger, die USA haben im Sommer den Grand Prix und 2008 in Peking die olympische Silbermedaille gewonnen. Keine leichte Aufgabe also für die Auswahl von Bundestrainer Giovanni Guidetti. Die ersten vier Teams der Vorrunde ziehen in die Zwischenrunde ein. Während der ersten Auftritte werden auch der Vorsitzende der Deutschen Volleyball-Liga, Michael Evers (Schwerin), und DVL-Geschäftsführer Thorsten Endres vor Ort sein. Anlass der großen Reise ist aber nicht nur der rein sportliche Aspekt. In Tokio werden beide die Vertragsfortsetzung mit dem langjährigen DVL-Partner, dem Ballhersteller MIKASA unterschreiben. Vor Reiseantritt spricht Michael Evers über seine Erwartungen an die Weltmeisterschaft.
 
Herr Evers, was wünschen Sie sich als WM-Ergebnis, nach dem die Männer im Oktober in Italien Platz acht erreicht haben?
Platz acht der Männer war sehr gut, aber wir hatten schon erwartet, dass das Team spielerisch und auch in der medialen Außendarstellung einen Ausreißer nach oben landen könnte. Das war leider nicht so, deshalb schraube ich meine Erwartungen bei den Frauen etwas zurück. Es ist nun mal ein Unterschied zwischen guten Ergebnissen in der Vorbereitung und dem Spielen bei einer WM. Ich wäre froh, wenn die Frauen auch Platz acht erreichen.
 
Die letzten Platzierungen bei einer WM waren nicht berauschend: Rang 13, zehn und elf.
Vor vier Jahren hatten sie aber auch Pech, als ihnen 0,004 Ballpunkte fehlten, um unter die ersten Acht zu kommen. Ich hoffe, dass das Team inzwischen gereift ist und im Endkampfverhalten zugelegt hat. Die vielen Wettkämpfe der letzten Jahre sollten jetzt eine Wirkung zeigen.
 
Klingt so, als würden Sie Ihre Erwartungen von vornherein niedriger ansetzen. Muss jetzt nicht mal der Knoten platzen und ein toller Erfolg her?
Das wäre wünschenswert und würde auch die zahlreichen Bemühungen der Bundesligavereine beflügeln. Sicher ist die Mannschaft auf allen Positionen gut besetzt. Zudem lobt der Bundestrainer den Kampfgeist und den Zusammenhalt, aber das allein reicht nicht. Es ist auch individuelle spielerische Weltklasse notwendig.
 
Guidetti sagt, dass ihm eine klasse Außen-Annahmespielerin fehlt, wie es früher Sylvia Roll oder Hanka Pachale waren.
In der Breite sind wir ganz gut aufgestellt. Aber in der absoluten Spitze fehlt noch die Klasse. Heute ist das Team ausgeglichener als früher, als alles auf Angelina Grün zugeschnitten war. Es wäre schön, wenn diese mannschaftliche Stärke zu einem erfolgreichen Abschneiden bei der WM führen würde.
 
Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass inzwischen ein halbes Dutzend der WM-Teilnehmerinnen im Ausland unter Vertrag steht?
Ganz einfach: Das ist ein Spiegelbild der Liga. Irgendwo sind sie ja hergekommen. Dass eines Tages die Besten abgeworben werden, gehört zum Geschäft. Es ist ein gutes Zeichen für die Arbeit der Liga.
 
Guidetti hat in einem Interview mit dem Volleyball-Magazin erklärt, er wäre bereit, in der Liga zu arbeiten, wenn es einen Klub gäbe wie der VfB Friedrichshafen bei den Männern, der dann aber auch nur mit den besten deutschen Spielerinnen antritt. Ist das denkbar?
Nein. Wünsche kann er ja äußern. Aber das wäre eine echte Wettbewerbsverzerrung innerhalb der Liga und erinnert mich stark an Dynamo Berlin oder Dynamo Weißwasser zu DDR-Zeiten. Das will keiner wieder haben. Es würde der Liga nicht gut tun, wenn eine Mannschaft von vornherein als Meister feststeht, weil dort alle Nationalspielerinnen auflaufen. Damit würde die Liga zur Farce werden.
 
Ein Wunsch Guidettis ist es auch, dass sich die Bundesliga-Trainer international weiterbilden, um Erfahrungen zu sammeln.
Das ist nicht sehr kollegial von ihm, zu sagen, die Trainer würden das nicht tun.
Es liegt in deren ureigenem Interesse, sich so gut wie möglich fortzubilden. Wer das nicht tut, wird sich nicht lange im Geschäft halten. Die WM findet allerdings vierzehn Tage vor Meisterschaftsbeginn statt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Trainer auch in ihren Klubs gefordert und haben eine Verantwortung den Spielerinnen gegenüber, die in Deutschland sind. Wir machen uns auch Gedanken in der Liga, wie wir das optimieren können. Im Sommer haben beispielsweise alle Bundesligatrainer die Gelegenheit, beim Bundestrainer zu hospitieren. Zudem fand eine gemeinsame Trainerfortbildung mit dem Bundestrainer statt.
 
Stützen Sie seine Prognose, dass die Liga stärker wird, wenn der Deutsche Meister in der Champions League spielt? Guidetti sagt, dann müssten die Klubs hierzulande aufrüsten, um nicht den Anschluss an den Meister zu verlieren.
Ich weiß nicht, ob das Schwein vom vielen Wiegen fetter wird. Da habe ich so meine Bauchschmerzen. Natürlich ist das Bestreben der Bundesligisten da, in der Champions League spielen zu wollen. Aber das setzt das Erfüllen aller Teilnahmebedingungen voraus. Eine TV-Produktion muss sicher gestellt sein, die Geld kostet, was den Vereinen dann fehlt, um in die Mannschaft investieren zu können. Keiner will nur der Prügelknabe der Champions League sein. Es ist nicht unattraktiver, in einem anderen Europapokal-Wettbewerb zu spielen und dort gewinnen zu können. Dresden hat es in diesem Jahr mit dem Gewinn des Challenge Cups vorgemacht und erlebt. Als DVL wollen wir, dass ein Platz in der Königsklasse besetzt wird, aber es bleibt schwer, alle Voraussetzungen, sportlich wie finanziell, unter einen Hut zu kriegen.
 
Stichwort Fernsehen: Bei der Männer-WM gab es keine TV-Bilder in Deutschland, bei den Frauen wird es ähnlich sein. Wird sich das mal ändern?
Es ist mehr als nur bedauerlich, dass ein 8. Platz einer deutschen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft in einer Sportart wie Volleyball, die von sehr vielen Menschen selbst ausgeübt wird, im deutschen Fernsehen keine Beachtung findet.  Wenn das Fernsehen am Ende auf den Zug aufspringt, weil das Team erfolgreich ist, dann ist das okay. Aber mir wäre wohler zu wissen, dass wir ein festes Kontingent an TV-Zeiten haben.

Von:  DVL

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