Raus aus Düren, rein nach Düren: Ein Profi wie Jaromir Zachrich ist es gewohnt, ständig on tour zu sein. Foto: Guido Jansen

29Mär2011

Jaromir Zachrich (evivo Düren): Vom Morgenmuffel zum Punktesammler – Wie der Profi ein Auswärtsspiel erlebt

Schlabber-Look mit Turnhose und T-Shirt, das Gesicht noch arg zerknautscht, die Füße haben den Kampf gegen die Erdanziehungskraft längst nicht gewonnen – hellwach sieht anders aus. Mit schlurfendem Schritt schleicht Jaromir Zachrich in den Frühstücksraum des Hotels „Zum Froschbächel” in Bühl. Mehr als ein kurzes „Moin” ist nicht drin. Ein ansteckendes Gähnen geht durch die Reihe der Mannschaft von evivo Düren. Selbst das Sandmännchen wirkt dynamischer als die meisten der Volleyballer aus dem Rheinland.

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Genau zwölf Stunden später ist dieser Jaromir Zachrich nicht wieder zu erkennen. Nicht nur, weil er das weiße Trikot von evivo Düren trägt. Mimik und Körpersprache sprühen nur so vor lauter Adrenalin. Mit einem wuchtigen Stemmschritt springt der 25-Jährige ab. Zachrich schlägt zu, der Ball klatscht in die Feldhälfte des TV Bühl. „Jaro” dreht sich zu seinen Mitspielern, ballt die Schlaghand zur Faust und jubelt mit weit aufgerissenen Augen. Wie von der Tarantel gestochen rennt und springt der Mittelblocker bis zur Grundlinie. Der Punkt war wichtig, den ersten Satz hat Düren beim Auswärtsspiel in Bühl so gut wie in der Tasche. Krasser können die Kontraste innerhalb eines Tages nicht sein.
 
„Früh aufstehen, Frühstück, Training, Video, Schlafen, Essen, Schlafen, Essen und dann zum Spiel in die Halle.” So beschreibt Jaromir Zachrich die Programmpunkte, die aus einem Morgenmuffel einen vor Energie strotzenden Bundesligaspieler werden lassen.
 
Der Wecker im Bühler Hotel „Zum Froschbächel” klingelt um 7.30 Uhr. Die erste Aufgabe für Jaromir Zachrich und Nikolai Kracht, den Zimmergenossen bei Gastspielen in der Fremde, besteht in der Herausforderung des Aufstehens. „Mein erstes Wort des Tages bei Auswärtsfahrten heißt meistens Niko”, sagt Zachrich. Denn die Nachtruhe des Mannes im Nebenbett ist immun gegen das Klingeln des Weckers. Um acht Uhr trifft sich die Mannschaft zum Frühstück. Weltmeister im Produzieren eines frühmorgendlichen Wortschwalls ist keiner der Spieler. „Da muss ich doch essen”, so Zachrichs Kommentar. Pragmatisch, hungrig, Schluss!
 
Das Vormittagstraining erfüllt gleich mehrere Anforderungen. Aktives Aufwachen ist angesagt. Es folgt das Anpassen an die Schwarzwald-Halle in Bühl. Und die ist enorm gewöhnungsbedürftig. Deckenhöhe 7,50 Meter. Die übliche Maxime, Bälle in der Abwehr hoch zu verteidigen, ist hinfällig. Die kleine Bühler Halle beschäftigt die Mannschaft nachhaltig. Ein erstes Mal denkt  Jaromir Zachrich darüber nach, wie das Spiel am Abend werden könnte. Die Wortkargheit des frühen Morgens ist dem Humor gewichen. Auf die Frage, was ihn derzeit bewegt, antwortet der Mittelblocker mit einem breiten Grinsen auf den Lippen: „Meine Füße.”
 
Zurück im „Forschbächel” wartet der nächste Orientierungspunkt. Co-Trainer Björn-Arne Alber bittet zur Video-Analyse. Die Hauptschlagrichtungen von Heriberto Quero und Co stehen auf dem Programm. Die Bühler Spielweise nehmen die Dürener quasi mit ins Bett. Schlafen ist angesagt, bevor das Mittagessen auf dem Tisch steht. Und danach gleich wieder ab ins Bettchen. Die Ruhepausen sind ein großes Thema, wenn am Abend gespielt wird. „Ohne Schlafen geht bei mir gar nichts”, erklärt Zachrich. „Ich fühle mich vor dem Spiel nicht wohl, wenn ich keinen guten Mittagsschlaf hatte. Mal kurz und knackig richtig einschlafen. Das hilft.” Lesen dagegen nur, wenn es nichts mit dem Studium zu tun hat. Deutsch und Sport auf Lehramt studiert der gebürtige Mittelblocker. Aber an Spieltagen findet die Uni nicht statt: „Ich brauche absolute Ruhe, wenn ich pauken will.” Und mit dieser Ruhe ist es nach dem letzten Aufwachen vor dem Spiel vorbei.
 
Obwohl sie noch auf Betten liegen, werden sie zunehmend aktiv. Unfug steht auf dem Programm. Jaromir Zachrich hat nichts Besseres zu tun, als lauthals die Hausordnung des Hotels vorzulesen. Kracht schüttelt mit dem Kopf, verdreht die Augen. Die geplante Viertelstunde Fernsehgucken kann er abhaken. „Jetzt ist die Zeit, in der du dich immer mehr mit dem Spiel beschäftigst”, sagt Zachrich  Spannungsaufbau ist angesagt. Aber wie? „Indem dein Zimmernachbar die Hausordnung vorliest. Das macht dich richtig aggressiv”, ruft Nikolai Kracht aus dem Hintergrund.
 
Der nächste Programmpunkt heißt Snack. Ein Stück Kuchen, dazu Kaffee. Die Mannschaft sitzt in einem Besprechungszimmer und hört der Fußball-Konferenz am Radio zu. Taschen packen, Auschecken aus dem Hotel und Abfahrt zum Spiel. Die Frequenz, mit der Jaromir Zachrich jetzt ein kleines Ritual nach dem anderen ausführt, wird höher.
 
Sie beginnt mit dem ersten Kleidungsstück, das der 25-Jährige anzieht. Es ist die Glücks-Unterhose, die Zachrich seit seiner Zeit in Eltmann bei jedem Spiel trägt. „Keine Panik. Die Hose wird regelmäßig gewaschen”, sagt er. Fotografieren lassen will er sich aber nicht mit dem guten Stück.
 
Das nächste Ritual folgt in der Halle: mit drei Mitspielern zwei gegen zwei im Dreimeter-Raum spielen. „Das ist eine schöne Zockerei und macht Spaß.” Schließlich kommt die letzte Ansprache in der Kabine. „Jaro” wickelt den Daumen seiner rechten Hand in einen Tape-Verband ein. Dann beginnt das Aufwärmen. „Ich laufe immer dieselbe Zahl an Runden und mache die gleichen Übungen in der gleichen Reihenfolge.” Bevor die Spieler zum Einspielen die Bälle in die Hand nehmen, folgt der letzte abergläubische Akt des Abends. Zachrich setzt sich auf die Trainerbank, öffnet seine Schuhe noch einmal und schnürt sie wieder zu, indem er energisch an den Senkeln zieht. Die Rüstung sitzt, der Kampf kann beginnen.
 
Wenig später hat der 2,01-Meter-Mann acht Mal im Block zugepackt, weshalb er in Düren zum Publikumsliebling geworden ist. In der Block-Statistik der DVL ist ganz weit oben zu finden. In Bühl allerdings klappte es nicht bis zur Perfektion. Die Mannschaft von Trainer Sven Anton musste eine schmerzhafte Fünf-Satz-Niederlage hinnehmen. Entsprechend niedergedrückt ist die Stimmung im Bus. Zuerst herrscht Schweigen. „Jeder ist damit beschäftigt, das Spiel für sich zu verarbeiten”, sagt Jaromir Zachrich später, als auch er das Kapitel verarbeitet hat. Die aufgebaute Spannung ist in Frust umgeschlagen. Das kratzt. Es dauert nicht lange und die Mannschaft setzt sich zusammen. Zu besprechen gibt es viel. Schließlich hat wenig funktioniert. Vor allem der Angriff nicht.
 
„Nach einem Sieg ist eine Heimfahrt natürlich lustiger”, sagt Zachrich. „Dann kannst du leicht Witze über die Fehler machen, die passiert sind. Jetzt ist das relativ ernst.” Die Fehleranalyse dauert noch lange, wird in kleinen Gruppen fortgesetzt. Irgendwann wird es dunkel im Bus. Über die Fernsehmonitore flimmert ein James Bond-Film. Jaromir Zachrich klinkt sich aus, indem er die Kopfhörer aufsetzt. Querbeet hört der 25-Jährige. „Aber meistens Rock. Mit ordentlich Gitarre.”  Der Bus rollt seit etwa zwei Stunden aus dem Schwarzwald in Richtung Rheinland. Allmählich wird es ruhig. Das Sandmännchen war fleißig. Zeit die Augen zu schließen. In ein paar Tagen geht es wieder auf Tour. Wieder und wieder, und immer mit den gleichen Ritualen. Der Glaube hilft und dann kommen auch wieder die Erfolge.

Steckbrief: Jaromir ZachrichGeburtsdatum: 14.04.85
Geburtsort: Mannheim
Größe: 2,01 Meter
Beruf: Student Deutsch und Sport für Lehramt  
Spitzname: Jaro / Zackie
Position: Mittelblock
Bisherige Vereine: VC Nagold, TV Rottenburg, Vif Frankfurt, VCO Berlin, Moerser SC, SG Eschenbacher Eltmann, SCC Berlin
Sportliche Erfolge: Platz zwei im DVV-Pokal 2006 (mit Moerser SC), Platz drei im Challenge Cup (mit SCC Berlin)

Von:  Guido Jansen

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